Diese Frage hat man mir alleine gestern dreimal gestellt. Grund genug, endlich mal einen Standardtext für die
Erklärung zu verfassen.
mh+irgendwas@zugschlus.de ist eine so genannte geplusste Mailadresse. Dieser Mechanismus war schon vor zwanzig Jahren
praktisch und ist dann im Zuge der verDAUung des Internets irgendwie in Vergessenheit geraten.
Das ganze funktioniert so: EIne normale Mailadresse a@example.com zerfällt in zwei Teile, den so genannten Localpart
und die Domain. Ein System, das eine Mail eingeliefert bekommt und sie zustellen möchte, entscheidet zuerst anhand der
Domain, ob es eine Mail ist, für die es selbst zuständig ist (“lokale Mailadresse”) oder nicht.
Wenn es nicht für die Mail zuständig ist, weil die Mail an eine fremde Domain adressiert ist, sucht es sich im
allgemeinen Normalfall aus dem DNS den Mail Exchanger (“MX”) für die Domain heraus und liefert die Mail
dort ab. Im Nichtnormalfall hat es irgendwelche internen Policies darüber, was mit einer nichtlokalen Mail anzufangen
ist. Gängig ist hier zum Beispiel die Auslieferung aller nichtlokalen Mails an einen anderen Rechner, der sich
dann genauer um die Auslieferung kümmert (“Smarthost”). Dies ist die Methode, mit der Endsysteme ihre Mail
üblicherweise ausliefern. Wichtig ist, dass sich das System bisher nur für den Domainpart, also das, was in der
Empfängeradresse hinter dem Klammeraffen steht, interessiert hat.
Interessanter ist der Fall, in dem das System zum Schluss kommt, selbst für die Mail zuständig zu sein: Erst dann
wird der Local Part (im obigen Beispiel das “a” links vom Klammeraffen) interessant. Anhand mehr oder
weniger komplexer Regeln identifiziert das System nun einen Ort, wo die neue Mail abzulegen ist. Im einfachsten Fall in
der Unix-Welt wird die Mail einfach an die entsprechende Mailboxdatei in /var/spool/username angehängt; gängig ist
aber auch die Auslieferung in ein sogenanntes Maildir unter dem Homedirectory des entsprechenden Systembenutzers.
Besonders auf Systemen, von denen die Mail schließlich mit einem anderen Verfahren (z.B. UUCP, IMAP oder POP3) abgeholt
wird, kann die Mail auch irgendwo anders landen, wo der Speicherort nicht mit einem Systemaccount verknüpft sein muss.
Auch die Zustellung in eine Datenbank ist denkbar (und in der Windowswelt ungleich üblicher als auf unixoiden
Systemen). Bei der lokalen Zustellung wird oft nur der Localpart berücksichtitg, so dass abc@example.com und
abc@example.org jeweils auf dieselbe Mailbox zeigen. Das ist aber ein Relikt aus vergangenen Tagen, so dass man heute im
allgemeinen davon ausgehen kann, dass die komplette Mailadresse, bestehend aus Local Part und Domain, für die
Ermittlung des Ablageorts berücksichtigt wird. Auf unixoiden Systemen ist das aber immer noch nicht der Standardfall,
so dass hier ohne manuellen Eingriff des Administrators beim Aufsetzen des Systems oft überraschende Dinge entstehen.
Nun zum eigentlichen Punkt dieses Artikels: Sendmail hat die Option (die IIRC sogar im Default eingeschaltet ist), den
Local Part nochmal in zwei Teile zu unterteilen, die durch ein Pluszeichen voneinander getrennt werden. Eine solche
Mailadresse könnte zum Beispiel local+suffix@example.com lauten. Bei der Zustellung berücksichtigt Sendmail
ausschließlich den “local”-Teil und ignoriert den Rest. So landet Mail an local+suffix1@example.com und
local+suffix2@example.com ohne weitere Konfiguration in derselben Mailbox.
Nun wird es interessant: Einem Filter, den der Empfänger in seinem Account betreibt, steht jedoch die komplette
Mailadresse zur Verfügung. Der Empfänger kann also selbst konfigurieren, ob Mails an local+suffix1@example.com und
local+suffix2@example.com gleich oder unterschiedlich behandelt werden können - und das ganz ohne dass der
Administrator des Mailservers dafür besondere Maßnahmen ergreifen muss: Das Feature ist einfach im Default aktiv und
stört im Normalbetrieb kaum einen.
Ich habe diese Funktion schon seit vielen Jahren auf meinem Exim-basierenden Mailserver nachgebildet (die dazu
notwendige Option kann man als local_part_suffix in der Dokumentation nachschlagen und auf allen relevanten
Routern setzen) und verwende sie zum Management eingehender Mails. Dabei ist mein System so eingestellt, dass im
Standardfail Mail an mh+suffixx@zugschlus.de im Order suffixx landet, wenn es diesen Ordner schon gibt. Das ist der
Normalfall, beispielsweise für Mailinglisten. Gibt es den Ordner suffixx nicht, greift ein schärferer Spamfilter und
die Mail landet, wenn sie den Filter passiert, auf der obersten Ebene der Mailbox.
Natürlich gibt es auch Möglichkeiten, mit Hilfe der leistungsfähigen Exim-Filter-Sprache Sonderbehandlungen
einzelner Suffixe zu definieren. So kann ich zum Beispiel die Mailadresse mh+xzy@zugschlus.de, die ich nur gegenüber
Firma xzy genannt habe und die von xzy in einen Spamverteiler gekippt oder gar offensichtlich weiterverkauft wurde,
gezielt durch Konfiguration auf User-Ebene so abschalten, dass der Absender der Mail eine individuelle Fehlermeldung des
Stils “go take a hike, spammer” erhält.
Das ganze funktioniert so gut, dass ich keine ungeplusste Mailadresse mehr verwende und für die ungeplusste Version
meiner Mailadresse ein noch schärferer Spamfilter greift. Wenn ich nicht speziell eingreife, verwendet mein Mailclient
eine Absenderadresse des Stils mh+0608mail@zugschlus.de, wobei die Zahlenfolge eigenlich Kalenderwoche und Jahr
darstellen soll. Die Inkrementierung dieser Nummer habe ich aber noch nicht implementiert, so dass ich sie derzeit nur
ändere wenn ich bemerke dass die Adresse irgendwo rausgeleaked ist. Wenn ich daran denke, setze ich die Absenderadresse
aber auf eine empfängerindividuelle Adresse, so dass Erika Mustermann eigentlich nur Mail von
mh+erikamustermann@zugschlus.de erhalten sollte.
Jedes Ding hat zwei Seiten, natürlich. So ist es leider so, dass die Entwickler vieler Webapplikationen ihr Handwerk
_soooo_ schlecht verstehen, dass sie sich zwar anmaßen, Programmcode zur “Verifikation” von
Mailadressen abzusondern, aber nicht hinreichend mit dem E-Mail-Standard (also mithin der technischen Grundlage ihrer
Arbeit) vertraut sind dass sie nicht wissen, dass ein Pluszeichen im Localpart einer Mailadresse zwar nicht alltäglich,
aber dennoch erlaubt ist. Der RFC für E-Mail erlaubt nämlich verdammt viele Sonderzeichen in Mailadressen, was in
vielen Punkten ziemlich unangenehm sein kann. Die im Domainpart möglichen Zeichen sind durch den DNS eingeschränkt,
der einen deutlich eingeschränkteren Zeichensatz erlaubt. So kommt es leider sehr häufig vor, dass die Webseite von
Firma XZY meine Mailadresse mh+xzy@zugschlus.de als “ungültig” ablehnt. Manche Webapplikationen werden an
solcher Stelle sogar richtiggehend psychotisch und versagen auf subtile und nicht immer bemerkbare Art und Weise. Das
ist wenig schön, und ich sollte mir endlich mal einen Standardtext schreiben, den man an solche Firmen schicken kann.
Aber da - ich erwähnte es schon - jedes Ding zwei Seiten hat, hat auch dieser Nachteil eine positive Seite: Viele
Spammer wissen auch nicht, dass das Pluszeichen in einer Mailadresse erlaubt ist und kratzen die Mailadressen falsch von
den zahllosen Webseiten, auf denen meine Adressen veröffentlicht sind. Da wird aus mh+debian-packages@zugschlus.de in
neun von zehn Fällen debian-packages@zugschlus.de, was eine zwar gültige, aber nicht existierende Mailadresse
darstellt: 550 no such user und weg ist der Spam, ganz ohne Filter. Derzeit lehnt mein MX etwa um eine bis zwei
Größenordnungen mehr Spam ab, weil er an kaputt“reparierte” Mailadressen gerichtet ist als der Spamfilter
aufgrund inhaltlicher Kriterien frisst.
Geplusste Mailadressen sind ein prima Mechanismus um zu kontrollieren, wer mit wem Mailadressen austauscht und um
“herausgesickerte” Mailadressen unterschiedlich zu behandeln, unterschiedliche Spamfilter zu verwenden oder
um im allgemeinen der Mailflut in der Mailbox Herr zu werden. Und nebenbei sind sie noch eine prima Maßnahme, um die
Anzahl von Spams in der Mailbox zu reduzieren und wenigstens etwas das Gefühl zu haben, dass eher die Absender als die
Empfänger an ihrem Spam ersticken.
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Tracked: Jul 02, 03:34