Skip to content

Platzangst im CNL Doppelstockschlafwagen

Zwischen einem bis in den Abend hinein angesetzten Montagstermin bei $KUNDE1 in Berlin und einem Dienstagmorgentermin bei $KUNDE2 in Mannheim ist nur eine Nacht. Für die Anfahrt nach Berlin am Montagmorgen ist kein Sparpreis zu bekommen, und Anfahrt am Sonntagabend würde (a) den Tanzkurs killen und (b) eine weitere Hotelübernachtung erzwingen.

Was tun? Richtig: Nachtzug fahren. Im konkreten Fall Schlafwagen in der CityNightLine. Economy Double. Böser Fehler.

Schlafwagenfahrten waren fester Bestandteil meiner Kindheit, weil ich viel mit meinen Eltern mitgereist bin. Und wenn es von Hamburg zur Produktion nach München ging, waren wir Stammgäste im Nacht-D-Zug. Damals sind wir natürlich ausschließlich Erster Klasse gereist; mein Vater und ich haben ein Abteil belegt und meine Mutter ein eigenes. Die beiden Abteile konnte man in den uralten Schlafwagen mit einer großen Verbindungstür miteinander verbinden und hatte dann natürlich mondän viel Platz. Meine letzte Schlafwagenreise dieser Art muss in etwa 1982 gewesen sein. Da war ich also süße 13 Jahre alt.

Mit diesen Erinnerungen buche ich also die CityNightLine von Mannheim nach Berlin und von Berlin nach Mannheim über Offenburg (um nicht um 04:43 Uhr aus dem Zug fallen zu müssen). Das kostet als Dauerspezial mit Schlafwagen Economy Double pro Richtung 104 Euro, ist also um einiges günstiger als eine Hotelübernachtung. Aber leider auch um einiges unbequemer.

Der Zug besteht aus einem Teil nach Prag und einem Teil nach Berlin und ist mit einer 101 bespannt. Mein Bettplatz ist im Oberdeck eines Doppelstockschlafwagens und das Abteil ist leider wirklich doppelt belegt: mein Mitfahrer reist nur bis Halle an der Saale. Das Abteil hat bis auf die beiden "Betten" keinerlei Sitzgelegenheit, und auch die Stehhöhe reicht für mich nicht aus. Dabei ist es so eng, dass nur eine Person zur Zeit im Abteil stehen kann; der andere muss in der Koje sein. Es gibt einen Schrank mit den geschätzten Maßen von 20 x 50 x 40 cm ohne Regale und ohne Kleiderstange; das Gepäck muss unter dem unteren "Bett" gestaut werden. Für empfindliche Kleidung hat jeder Fahrgast einen Kleiderbügel und kann ihn auf der Innenseite der Tür aufhängen. Außerdem gibt es - und das ist das einzige, was mich an meine Kindheitsfahrten im Schlafwagen erinnert - den obligatorischen Waschtisch mit Warm- und Kaltwasser und dem in Joghurtbecher verpackten Trinkwasservorrat zum Zähne putzen.

Obere Koje und Totale des Schlafabteils.

Blick von der unteren Liege in Richtung Waschtisch.

Versuch eines Fotos von Eingangstür und Kleiderschrank; der Kopf ist an der Unterwand der oberen Koje beim Versuch aufrecht zu sitzen

Durch schnelles Übereinanderhalten zweier c't-Hefte messe ich die Höhe der Koje als grob 65 cm; das reicht leider nicht einmal, um sich auch nur unbequem aufrecht hinzusetzen. Man kann also gekrümmt stehen oder liegen. Erfreulicherweise reicht die Länge des "Bettes" aus, um mich ausgestreckt hinzulegen. Ich muss zwar die Diagonale des "Bettes" ausnutzen und liege oben wie unten "Press" an den Abteilwänden, aber zum (unbequem) schlafen reicht es. Ich glaube, so beengt habe ich zuletzt beim Segelprojekt 1988 geschlafen, wo man mich die ersten drei Nächte in einer Jolle untergebracht hatte. Dort hatte ich in der Koje ausgestreckt über meinem Kopf grad zehn Zentimeter Luft, und erinnere mich mit Grausen an die Platzangst weckende Situation.

Die Koje im Schlafwagen ist nicht so schlim wie die Jolle, aber an halbwegs aufrechtes Sitzen oder gar Am-Notebook-Arbeiten-können ist nicht im Traum zu denken. Auf den Ellenbogen aufstützen ist das höchste der Gefühle. Das ist nicht schön; alleine dies wird mich wohl in Zukunft von "City Night Line Economy Double" im Doppelstockschlafwagen abhalten.

Wir verlassen Mannheim Hbf mit knapp fünf Minuten Verspätung und ich freue mich über die große Laufruhe des Wagens. Der Zug brettert ganz gut über die Riedbahn und ich frage mich, ob das "nur" 160 km/h oder gar 200 km/h sind. So schnell muss der doch gar nicht fahren, bis Berlin ist's nicht so weit und man möchte ja nicht mitten in der Nacht ankommen. Ich brauche dennoch bis Frankfurt um einzuschlafen und wache erst wieder auf, als mein Abteilgenosse gegen fünf geweckt wird, sich rasiert, wäscht und anzieht, um dann in Halle auszusteigen. Sofort nach seinem Abgang reiße ich die Rollos auf und stelle die Klimaanlage zwei Stufen kühler. Leider gelingt es mir nicht, wieder einzuschlafen, und so stehe ich bei jedem Versuch des Schlafwagenschaffners, in einem der umliegenden Abteile andere Fahrgäste aufzuwecken, so weit senkrecht im Bett wie es in der Koje möglich ist.

Während ich so die dunkle und weniger dunkle Landschaft von Südbrandenburg an mir vorbeiziehen sehe, entscheide ich, diesen ungastlichen Ort so schnell wie möglich zu verlassen: Anstelle wie ursprünglich geplant so lange wie möglich liegen zu bleiben und erst in Berlin Gesundbrunnen, dem Endbahnhof des Zuges auszusteigen, verlasse ich den Zug schon in Berlin ParkhausSüdkreuz und fahre lieber einen Dreiviertelring S-Bahn bis Ostkreuz über Jungfernheide und Gesundbrunnen, denn in der S-Bahn kann ich wenigstens sitzen. Schließlich frühstücke ich am Alexanderplatz und bin um 08:30 Uhr beim Kunden.

Und für heute nacht lasse ich mir mal ausrechnen, was ein Spontanupdate auf "Economy Single" kostet.

Nachtrag: Kostet 40 Euro extra. Investiert. Danke Ferdi.

Trackbacks

Zugschlusbeobachtungen on : Na Bitte! Geht doch auch bequemer!

Show preview
Nach den Erfahrungen der letzten Nacht wollte ich mir die Folter des Economy Double nicht nochmal antun und habe auf Economy Single upgraded. Das funktioniert so, dass die Bahnagentur des Vertrauens die bestehende Buchung storniert und eine neue Bettkar

Comments

Display comments as Linear | Threaded

Ralf Hildebrandt on :

Klaustrophobie, nicht Platzangst. Platzangst ist Angst vor viel Platz, freiem Raum, Himmel über dem Kopf.

Ralf Hildebrandt on :

Ansonsten habe ich dieselben Erinnerungen an Schlafwagenreisen meiner Kindheit, runter nach Südtirol von Frankfurt/Main. Das war immer gut, und man konnte die Abteile in Sitzabteile umbauen.

Alles wird besser, merkste?

Marc 'Zugschlus' Haber on :

In Sitzabteile umbauen kann man die Abteile im Doppelstockschlafwagen auch. Aber dann kann man halt nicht mehr liegen, und bei einem Zuglauf von 21.00 uhr bis 07:00 Uhr hat das auch nur recht wenig Sinn.

flawed on :

Die Länge der "Betten" scheint übrigens je nach Abteil unterschiedlich zu sein. Was für ne Bettnummer hattest Du denn? Erzähl dann bitte mal, ob die im Single auch lang genug sind.

(Und angesichts der Angaben bei CNL im Web frage ich mich gerade, wie ich jemals auf die Idee kommen konnte, im Liegewagen zu fahren...)

Thilde on :

Das scheinen mir eher Liegewagen als Schlafwagen zu sein, oder? Ich hatte sowas mal von Wien bis irgendwo in Rumänien - war auch nicht so witzig. Allerdings waren da 3 Betten... ähm, sagen wir eher: Pritschen übereinander, wenn ich mich recht erinnere.

Marc 'Zugschlus' Haber on :

Nein, das firmiert schon als Schlafwagen (Wagengattung WLAB). Im Liegewagen (Wagengattung Bc) hättest Du kein richtiges Bettzeug und keinen Waschtisch im Abteil; ein Liegewagenabteil kannst Du am ehesten mit so einem alten Schnellzugwagen vergleichen wo tagsüber zweimal drei Sitze einander gegenüber sind.

Marc 'Zugschlus' Haber on :

Auf der Hinfahrt 82, auf der Rückfahrt 61. Die Koje war beide Male grad lang genug für mich.

thomas on :

Was mich mal interessieren würde - von Basel Richtung Berlin fahren ja nur diese Doppelstockwagen; also zwei Stockwerke mit Schlafabteilen ("Unterdeck" und "Oberdeck") und es gibt bei Economy keine Single-Abteile, bei Single Buchung ist eben nur eine Person im Abteil. Soweit ok, aber wenn man wie beschrieben die Betten ja auch wegklappen kann (so sieht man es auf der Karte bei http://www.citynightline.ch/nachtzugreise/view/klassen/schlafwagen/grdostoeconomy.shtml

kann man dann wenigstens das obere Bett alleine wegklappen, damit man als etwas größerer Mensch der alleine reist noch aufrecht auf dem unteren Bett sitzen kann??

Marc 'Zugschlus' Haber on :

Wenn man alleine im "Economy Double" reist, bekommt man einen wildfremden Mitreisenden dazugebucht; im "Economy Single" klappt der Schaffner die oberer Liege - wie im Text beschrieben - so schräg nach oben, dass man mit dem Rücken ans Fenster gelehnt aufrecht sitzen kann.

Tobi on :

Ja, an die guten alten Dinger kann ich mich auch noch erinnern. Leider wurden sie auch im Autozug (um ca. 2005) durch diese Sardinenbüchsen ersetzt. Wenn du den guten alten Komfort haben willst musst du einen Liegewagenplatz buchen. Die Liegewagen sind immer noch die alten und bieten schön viel Platz.

Add Comment

Markdown format allowed
Enclosing asterisks marks text as bold (*word*), underscore are made via _word_.
Standard emoticons like :-) and ;-) are converted to images.
E-Mail addresses will not be displayed and will only be used for E-Mail notifications.
Form options