Heute ist unser erster Hochzeitstag, und Sandra möchte nach Montmartre. Wir fahren mit unserer Haus-und-Hof-Metro eine
Station in die andere Richtung bis Pasteur und steigen dort in eine andere Linie um, die uns direkt nach Abesses bringt,
der tiefst gelegenen Metrostation von Paris. Dort gibt es eine langgezogene Wendeltreppe und Aufzüge, die einen - wie
in London - an die Oberfläche bringt. Wir nehmen den Aufzug ;)
Das Wetter ist leider wieder durchwachsen, und oben an der Metro stehen fliegende Schirmverkäufer. Wir sind gerüstet
und können uns selbst vor dem fallenden Wasser schützen. Aber es hört flott auf.
Der Weg zur Standseilbahn, die zur Basilika Sacre Coeur hochführt, ist Montmartre pur, und Sandra ist in ihrem
Element: Enge Straßen, kleine Geschäfte, die Tand und Mode verkaufen. Oben an Sacre Coeur ist High Life: Kleinkunst,
Touristen und ein genialer Blick über Paris. Wir sehen zum ersten Mal, wie gleichförmig und hell diese Stadt von oben
aussieht. Entweder schreibt der Bebauungsplan ziemlich genau fest, welche Steine für den Hausbau zu verwenden sind,
oder die auf Montmartre abgebauten Substanzen waren damals so billig, dass man sie einfach wirtschaftlich verwendet hat.
Man sagt ja nicht umsonst, es sei mehr von Montmartre in Paris als von Paris in Montmartre.
Da es wieder angefangen hat zu regnen, machen wir mit dem Montmartrain (ganz ähnlich zur Hamburger Hummelbahn) eine
Ortsteilrundfahrt. Der Fahrer redet ohne Unterlass auf Französisch und Englisch und ich habe alle Hände voll zu tun,
das was er sagt für Sandra zu übersetzen. Wir fahren fast ausschließlich über winzige Sträßchen, bis auf ein
Stück Boulevard de Clichy zwischen Place Pigalle und der Stelle, wo es dann rechts in die Rue Caulaincourt abgeht.
Dieses Stück hat es in sich, weiter unten wird gebaut und es staut sich gewaltig zurück. Es wird gehupt, wild über
die Absperrung zwischen Busspur und normaler Fahrspur gefahren und so weiter. Südeuropäische Großstadt eben.
Nach dem Ende der Rundfahrt laufen wir zum Place Pigalle herunter, Sandra kauft noch das eine oder andere, und wir
essen ein für Pariser Verhältnisse günstiges Mittagessen in einem brechend vollen Lokal. Dann entscheiden wir uns,
den Bus zum Trocadero zu nehmen anstelle der Metro. Auch im Bus müssen wir die Fahrkarte entwerten, es gibt aber kein
Drehkreuz. Ich habe keine Ahnung, was das Lesegerät zu meiner Karte gesagt hat, aber da der Fahrer mich nicht
anschreit, wird wohl alles gut gegangen sein. Wir stellen uns ein zweites Mal in den Stau auf dem Boulevard de Clichy,
wo das Verkehrschaos nochmal eine Nummer schlimmer geworden ist. Die Autofahrer auf der Kreuzung hängen sich aus ihren
Fenstern heraus und brüllen sich gegenseitig an. Der Bus bekommt Schlagseite, weil alle Fahrgäste auf der rechten
Seite an den Fenstern hängen und die Show beobachten. Dann geht es weiter, größtenteils parallel zur Metro 2 in
Richtung Place de L’Étoile.
Auf dem Place de L’Étoile herrscht auch Chaos, aber funktionierendes. Das wird hier immer so sein. Um den Arc de
Triomphe herum führt ein Kreisverkehr, der in Deutschland mindestens fünf parallele Fahrstreifen hätte - aber
Fahrstreifenmarkierungen sind was für Deutsche, wie wir sehen. Unser Bus fährt weitgehend gerade über den Platz,
kreuzt den Weg von hunderten anderer Verkehrsteilnehmer, es ist faszinierend. Wie ich später erfahre, ist es an dieser
Stelle so, dass die in den Platz einfahrenden Verkehrsteilnehmer Vorfahrt haben, was immerhin erklärt, warum unser
Busfahrer den Abstand zu den anderen Einmündungen konsequent maximiert. Wir brauchen auch keine Minute, um den Platz
einmal überquert zu haben. Ab Trocadero geht es dann mit der Metro 6 zur Mittagspause ins Hotel.
Während der Mittagspause zieht eine Demo an unserem Hotel vorbei. Wie wir den Transparenten entnehmen können, sind es
Krankengymnasten und Physiotherapeuten, die gegen irgend eine Form der Gesundheitsreform demonstrieren.
Am Nachmittag ziehen wir noch einmal los, fahren noch einmal zur Place de L’Étoile und laufen ein paar Meter auf
den Champs-Elysées in Richtung Innenstadt. Wir essen nochmal was und schauen uns die dort ansässigen Nobelläden aus
der Ferne an. Schließlich entscheiden wir uns, La Defense und die Grande Arche anzugucken. Mit der Metro 1 geht es
ganz nach draußen, und wir sind erschrocken darüber, wie brechend voll die Züge der Gegenrichtung sind. Die weiter
draußen liegenden Haltepunkte bekommen gerade Bahnsteigtüren, und ich kann nachlesen, dass man vorhat, die stark
belastete Linie 1 auf fahrerlosen Automatikbetrieb umzustellen.
La Defense ist eine gigantische Retortenstadt. Auf der Achse vom Louvre über Concorde und Place de L’Étoile
steht die Grande Arche, ein gigantisches Betonquadrat. Aber auch die Architektur darum herum kann sich sehen lassen,
hier haben sich Architekten so richtig austoben dürfen. Hotel neben Bürohaus, nur gewohnt scheint hier nicht zu
werden. Wir laufen durch ein Einkaufszentrum, in dem gerade die Bürgersteige hoch- und die Tore runtergekurbelt werden,
und nehmen uns einen - völlig leeren - Metrozug wieder zurück in die Innenstadt.
Vom Trocadero laufen wir noch einmal in Richtung Eiffelturm und entscheiden uns, die verhältnismäßig kurzen
Schlangen auszunutzen. Wir stellen uns am Ostpfeiler an und sind nach etwa einer halben Stunde an der Kasse. Da auf den
Anzeigetafeln bereits davor gewarnt wird, dass man vor den Aufzügen von der zweiten Etage zur Spitze noch einmal 45
Minuten anstehen muss, nehmen wir die günstigere Variante und begnügen uns mit 110 Metern Höhe. Nochmal 20 Minuten
später sind wir im Aufzug, der mit einem hydraulisch bedienten Seilzug nach oben gefördert wird. Im Keller gibt es
einen Hydraulikzylinder, der über einen mehrfach umgelenkten Seilzug die Aufzugskabine hebt - ein Meter
Hydraulikzylinder gibt vier Meter Kabinenbewegung; die mit tonnenschweren Gewichten abgedeckten Tanks für die
Hydraulikflüssigkeit dienen als Gegengewicht.
Von der zweiten Etage aus genießen wir die Aussicht in alle Himmelsrichtungen, benutzen die Panoramafunktion der
Kamera fleißig und nehmen schließlich unter Sandras Protest die Treppe herunter in die erste Etage. Ich weiß gar
nicht, wo ich hingucken soll, denn die Technik ist absolut eindrucksvoll. In der ersten Etage machen wir nochmal einen
Rundlauf, wo der Bau und Betrieb des Turmes mit Plakaten beschrieben ist und beschließen, dass die vorhandene
Restauration entweder zu ungastlich, geschlossen oder zu teuer ist. Wir essen auf dem Boulevard Grenelle noch etwas und
landen dann wieder im Hotel.