Der Termin zwischen Weihnachten und Neujahr ist scheixxe wie immer: Vor Weihnachten ist wochenlang privater und
geschäftlicher Dauerstress, manch einer muss Heiligabend noch arbeiten. Dann fährt man quer durch Deutschland zur
Familie und hat noch nicht einmal dort die Gelegenheit zum Durchatmen, denn spätestens am zweiten Feiertag abends
fährt der Zug nach Berlin. Insgesamt ist man eine Woche lang nicht bei den Haustieren, und kaum ist man wieder daheim,
geht man auf den nächsten Höhepunkt, Silvester und den Jahreswechsel zu. Ich glaube, das muss ich nicht unbedingt
haben - Tradition hin oder her.
Die langen Wartezeiten an der Tageskasse am ersten Tag des Congress sind legendär. Diesmal hat der CCC seine Gäste
gebeten, die Karten am Abend des zweiten Weihnachtstags zu kaufen; die Kasse öffnet gegen 18.00 Uhr - so steht es in
allen Publikationen. Nun, mein Zug kommt erst nach 19.00 Uhr in Berlin an, und so bitte ich den Fux, mir ein Ticket zu
beschaffen. 80 Euro finde ich übrigens ziemlich heftig.
Den Hauptbahnhof sehe ich nur auf der Durchfahrt, denn meine Reiseverbindung nach Zehlendorf sieht Umsteigen auf die
Ringbahn in Südkreuz vor. Ich stürze direkt aus dem IC die Treppe rauf und bin schon fast am VBB-Fahrkartenautomaten,
als mich der Fux erreicht: Er hat ein Auto dabei. Aber kein Ticket, denn entgegen aller Publikationen öffnet das
Ticketoffice des Congress erst um 20.00 Uhr.
Die Fahrt mit dem Auto von Berlin Parkhaus nach Zehlendorf ist schnell, und ich werde zügig bei meiner Tante
abgesetzt. Gegen kurz nach elf kommt dann noch eine SMS, dass der Fux doch vorab eine Karte ergattern konnte. Wartezeit
am Ticket Office war dann doch nur eine starke Dreiviertelstunde.
Am nächsten Morgen bekomme ich dann um kurz vor zehn mein “Ticket”, das dieses Jahr aus einem Stoffarmband
mit dazugehörigem Metallclip besteht, in die Hand gedrückt. Der Engel an der Tür hat eine Crimpzange in der Hand, und
bietet mir an, das Stoffarmband an meinem Handgelenk zu fixieren. Mein “Nö, das muss irgendwie nicht sein”
akzeptiert er aber und ich bin drin.
Die Frage “funktioniert das Wireless LAN” muss zumindest für 802.11g wie auf dem Congress üblich mit
“Nein” oder “etwas” beschrieben werden. Zumindest im großen Saal ist wie üblich keine auch nur
in Ansätzen stabile Verbindung zustande zu bekommen: Man assoziiert, bekommt per DHCP auch flott eine IP-Adresse
zugewiesen, und dann bekommt man nicht einmal einen ARP-Request beantwortet. Weder für das Defaultgateway, noch für
den zugewiesenen DNS-Server, noch für den DHCP-Server, der einem noch zehn Sekunden vorher eine IP-Adresse
zugewiesen hat. Wenn man dann mal die MAC-Adresse des Gateways ergattern konnte, hilft auch ein statischer ARP-Eintrag
nicht. In den kleineren Säälen funktioniert .11g dann, wenn der Saal zu weniger als die Hälfte besetzt ist, leidlich
gut. Allerdings gibt es oftmals Aussetzer oder wunderbare Latenzen wie hier gezeigt:
Host Loss% Snt Last Avg Best Wrst StDev
1. 89.22.96.1 54.7% 65 31615 9934. 4.3 31615 9431.
2. mrhelpmann.congress.ccc.de 54.7% 65 31546 9717. 31.6 31546 9526.
3. blnb-s1-rou-1003.DE.eurorings.ne 55.6% 64 31557 9695. 18.7 31557 9743.
4. hmb-s2-rou-1002.DE.eurorings.net 54.0% 64 31601 10519 31.7 31601 9832.
5. hmb-s2-rou-1001.DE.eurorings.net 54.0% 64 32297 10620 6.9 32297 9427.
6. mchn-s1-rou-1001.DE.eurorings.ne 54.0% 64 32222 9693. 29.8 32222 9390.
7. mchn-s1-rou-1002.DE.eurorings.ne 58.7% 64 32145 10352 22.3 32145 9975.
8. nbg-s1-rou-1071.DE.eurorings.net 55.6% 64 32106 10079 30.2 32106 9700.
9. 134.222.107.242 58.7% 64 32049 11025 31.7 32049 10415
10. fast1-0-0.c7507-1.ffm2.ecore.net 58.7% 64 31971 10885 29.4 31971 10595
11. 212.63.129.10 55.6% 64 31914 9963. 39.9 31914 9646.
12. sys2.ffm.jpru.de 57.1% 64 32977 10631 53.2 32977 9656.
13. q.bofh.de 60.3% 64 32798 9347. 34.5 32798 9598.
So ist sinnvolles, interaktives Arbeiten kaum möglich. Macht keinen Spaß, das. Die meiste Zeit des Congress netze ich
also per langem Patchkabel (das ich diesmal dabei hatte) an einem der zahlreichen aufgestellten Switche oder per
Crossoverkabel am Notebook des Fux, der mit seiner .11a-Karte eine stabile Netzverbindung zustande brachte und meinen
OpenVPN-Tunnel ins Wireless LAN weiterrelayte. Jedenfalls war ich wohl nicht der einzige, der die überall hängenden
Schilder “Use more bandwidth” teilweise als Hohn empfand.
A propos Switche: Die waren offensichtlich notwendig, aber mindestens in den kleinen Säälen unschön aufgestellt, am
Rand nämlich. Das führte dazu, dass die ohnehin engen Durchgänge mit Patchkabeln und Stolperfallen zugehängt wurden.
Ein Tipp an die Netzengel für die Zukunft: Stellt die Switche doch mitten ins Publikum rein und verzichtet dabei in
Gottes Namen auf einen Sitzplatz. Verlegt die Zuführung sauber und haltet damit die Durchgänge frei, und wenn ihr
schon dabei seid (Strom braucht Ihr an der Stelle eh), stellt gleich noch eine Mehrfachsteckdose dazu. Dann können sich
die Leute im Publikum sternförmig versorgen und ihr habt gleich etwas weniger Kabelsalat. Im großen Saal war das schon
ziemlich gut gelöst, wenn ich mir dort auch mehr Steckdosen gewünscht hätte. Das wäre realisierbar gewesen, wenn man
in die dort zahlreich vorhandenen 400V-Steckdosen Adapter auf 3x 230V eingesteckt hätte.
Das kabelgebundene Netz hat den Congress über ordentlich funktioniert - bis auf eine Störung am zweiten Tag
nachmittags, wo das Congressnetz im BGP derartig geflapped hat, dass man fast ins Dampening reingefallen wäre. Da ging
über eine Stunde lang wenig bis gar nichts.
Zum ersten Mittagessen wollen der Fux und ich das erste Mal das bcc-eigene Catering ausprobieren. Die Preise in der
Cafeteria waren erstaunlich zivil; die Atmosphäre aus “vielen Leuten” und “Technodisco” ist
allerdings wenig kommunikativ. Wir flüchten in den Bahnhof.
Beim Wiederbetreten des Gebäudes besteht der Engel an der Tür darauf, das Armband nun wirklich endgültig zu
fixieren. Das sei nicht diskussionsfähig, Anweisung von ganz oben. Ich bin stinkig, lass es aber geschehen. Im
Congress-Wiki finde ich im späteren Verlauf des Congresses Diskussionen über die Armbänder, die aber nicht wirklich
konstruktiv sind. Am Abend hacke ich mein Armband, indem ich dem Metallclip mit meinem Leatherman so zuleibe rücke,
dass ich es (wieder) verstellen kann. So kann ich wenigstens ohne Armband duschen und schlafen.
Im weiteren Verlauf des Congresses sehe ich, dass unterschiedliche Angel die Armbandpolicy durchaus unterschiedlich
handhaben: Sehr viele Leute tragen das Armband an der Kleidung oder gar nur geknotet ums
Handgelenk. Lieber CCC, das geht besser:
-
Kommuniziert die Art der Zugangskontrolle vorher. Dann können sich Leute, die mit Euren Methoden nicht einverstanden
sind, vorab entscheiden, daheim zu bleiben.
-
Handhabt die Zugangskontrolle einheitlich. Es kann nicht angehen, dass Besucher A mit einem geknoteten Armband
durchkommt, während Besucher B für die Dauer des Congresses per Crimpzange unabänderbar “gebrandmarkt”
wird und auf seine Beschwerde hin ein “Du kannst ja gehen, wenn Dir das nicht passt” zurückkommt. Denn
genau diese Möglichkeit hatte der Besucher beim Kauf des Tickets nicht.
Im sozialen Leben habe ich mich dieses Jahr weitgehend zurückgehalten. Außer kurzem “Hi” im Vorbeigehen
habe ich verhältnismäßig wenig Gespräche mit denjenigen geführt, mit denen ich sowieso ständig chatte. Statt
dessen habe ich mich größtenteils in den Vorträgen aufgehalten, und habe mich dabei erwischt, hauptsächlich in
politischen und gesellschaftskritischen und nicht wie erwartet in technischen Vorträgen mein “Quartier”
aufzuschlagen. Die technischen Vorträge waren größtenteils entweder unter meinem Niveau oder für mich zu
anspruchsvoll. Hochpunkt war Ravens Vortrag über Penetration Testing in ISP-Netzwerken - der war wirklich gut.
Die politischen und gesellschaftskritischen Vorträge gingen um die Dinge, die unsereins sowieso beschäftigen:
Wahlcomputer, Überwachung, Biometrie, was man dagegen tun kann und wie man sich damit arrangieren kann. Denn: Wir
werden uns damit arrangieren müssen, dass diese Dinge kommen oder längst da sind. Die Augen verschließen ist
vermutlich die einfachste Lösung, und Fundamentalopposition die falscheste: Mit letzterem sorgt man nämlich nur
dafür, dass man nicht ernstgenommen und ignoriert wird. Die düsteren Dinge, die in diesen Vorträgen zur Sprache
gekommen sind, sind neben einer starken Erkältung (“ich bin in Saal 1 hinten links, da wo es hustet”)
sicher einer der Gründe, warum ich während der drei Tage Congress nicht wirklich in der Laune für Smalltalk und
Socializing hatte.
Im Nachhinein höre ich oft, es sei zu voll gewesen. Da muss ich widersprechen: Es war voll, ja. Aber wenn die Leute
sich nicht trauen, einen Saal zu betreten, in dem noch mindestens zehn Prozent der Sitzplätze frei sind und lieber vor
der Tür stehen bleiben und dann, wenn sie sich mal in den Saal getraut haben, lieber hinten oder an der Seite stehen
bleiben anstelle einen der freien Sitzplätze zu benutzen, freue ich mich doch darüber, dass es in den Säälen 1, 2
und 3 eigentlich immer noch die Gelegenheit zum halbwegs bequemen Sitzen gab.
Das Rauchverbot begrüße ich ausdrücklich. Wo sich viele Leute aufhalten, ist die Luft üblicherweise schlecht genug.
Klasse, dass die mutwillig erzeugte Luftverpestung diesmal vor der Tür stattfand; ärgerlich die Abwesenheit eines
rauchfreien Ausgangs aus dem Gebäude. Lustig ist es zu “nicht vollen” Zeiten, wie sich
“Cluster” von Geeks bilden. Viel freier Raum, und dann plötzlich ein Grüppchen von Geeks, dann wieder viel
freier Raum. Das Auftreten eines Geekclusters ist typischerweise mit “hier gibt’s Netz” oder
“hier gibt’s Strom” gleichzusetzen.
Die Vorträge gegen von 11.30 Uhr bis Mitternacht, wobei glücklicherweise die für mich interessanten Themen zu
“menschlichen” Zeiten stattfinden. Ich habe also zwei Abende Zeit für meine Tante (die mir auch netterweise
das Quartier zur Verfügung gestellt hat) und meine Kusine, besichtige einen Abend etwas das Berliner Schnellbahnnetz
unter fuxkundiger Führung (Bauarbeiten Gleisdreieck, Umsetzen Potsdamer Platz, U4 und ein kurzes Stück Ringbahn) und
bin einen Abend länger auf dem Congress.
Schon am Nachmittag des 29. Dezember breche ich meine Zelte in Berlin ab, da für mich interessante Vorträge erst
wieder am 30. spätnachmittags auf dem Programm stehen und ich diese sowieso nicht besuchen könnte - Sandra erwartet
mich in Mannheim. Auf dem Weg gucke ich mir noch Berlin Hauptbahnhof an, da ich dort von der S-Bahn (“oben”)
in den ICE (“unten”) umsteigen muss. Ich weiß nicht, was um diesen Bahnhof für ein Rabatz gemacht wird:
Das ist doch ein ganz normaler moderner Großbahnhof, mit viel zu wenig Uhren und zu viel Einkaufserlebnis. Hat mich
wirklich wenig beeindruckt. Mit angenehm leeren ICE fahre ich über Leipzig zurück.